Prolog
Der Fjord vergisst nichts. Er bewahrt alles auf, tief unter seiner Oberfläche, wo das Licht nicht hinreicht und die Strömungen Geschichten tragen, die kein Mensch je aufgeschrieben hat. Die Berge zu beiden Seiten stehen wie Zeugen, die schweigen, weil niemand sie fragt, und die Wälder an den Hängen rauschen in einer Sprache, die nur versteht, wer lange genug zuhört. Im Juni des Jahres 1889 legte ein Mann am Kai von Faleide an.
Sein Name war Halvard Sundvik. Er kam von Westen, und er brachte Pläne mit, die größer waren als alles, was dieses kleine Dorf am Nordfjord je gesehen hatte. Pläne für ein Hotel. Für Touristen.
Für eine Zukunft, die nach Fortschritt roch und nach Geld und nach dem süßen Gift der Veränderung. Niemand ahnte, was er noch mitbrachte. Welche Schulden er trug. Welche Geheimnisse in den Papieren schlummerten, die er in einem verschlossenen Koffer verwahrte.
Niemand fragte, warum ein Mann, der aus dem Nichts kam, so viel Geld hatte. In Faleide fragte man nicht. Man nahm, was kam, und hoffte, dass der Fjord gnädig blieb. Dies ist die Geschichte der Familie Sundvik.
Sie beginnt mit einer Ankunft und endet mit einer Wahrheit, die hundertdreißig Jahre brauchte, um ans Licht zu kommen.
Kapitel 1 – Der Kai von Faleide
Der Wind kam von Nordwest, kalt und feucht, und er drückte das Wasser des Fjords gegen die Kaipfähle, sodass sie knarzten wie alte Knochen. Es war Anfang Juni 1889, Frühsommer am Nordfjord, aber der Frühsommer hielt sich nicht an Kalender, und an diesem Morgen roch die Luft nach Regen und nach dem Tang, der bei Ebbe auf den Steinen lag und in der Sonne dampfte, die noch nicht da war. Halvard Sundvik stand am äußeren Rand des Kais, dort wo die Bohlen nass waren und das Holz weich, dort wo niemand stand, der etwas zu verlieren hatte. Er war dreiundzwanzig.
Bauernsohn vom Hang oberhalb des Dorfs, dritter von fünf, und der einzige, der geblieben war, als die anderen gingen -- nach Kristiania, nach Bergen, nach Amerika. Die Schwester schrieb zweimal im Jahr aus Minneapolis, auf Norwegisch, das immer englischer wurde. Die Brüder schrieben nicht. Sein Vater war gestorben, als Halvard zwölf war, an einem Husten, der nicht aufhörte und der im dritten Winter in ein Rasseln überging und dann in Stille, und die Mutter führte den Hof seither mit einer Stille, die nicht Stärke war, sondern Erschöpfung.
Der Hof trug sich nicht. Zwei Kühe, sieben Schafe, ein Stück Kartoffelfeld, das der Hang jedes Frühjahr ein wenig weiter nach unten schob, weil der Boden nass war und die Wurzeln nichts hielten. Halvard hatte gerechnet: Noch drei Winter, dann war das Feld am Fjord. Und danach gab es kein Feld mehr.
Er hatte dreizehn Jahre auf diesem Hof gearbeitet. Holz geschlagen, Fische getrocknet, Steine geräumt, Zäune geflickt, Schafe geschoren, Heu gemacht, Schnee geschaufelt. Dreizehn Jahre, in denen der Hof jedes Jahr weniger hergab und jedes Jahr mehr verlangte. Dreizehn Jahre, in denen er gelernt hatte, dass die Erde nicht belohnte, was man ihr gab, sondern nahm, was sie brauchte, und den Rest überließ.
Aber er war nicht hier, um an den Hof zu denken. Er war hier, um zu zählen. Sieben Karriolen standen auf dem Kai, aufgereiht von der Innenkante bis zur Mitte, und die Reihenfolge war kein Zufall. Sie war eine Ordnung, die älter war als Halvard und die niemand je aufgeschrieben hatte, weil jeder sie kannte.
Ganz innen, dort wo der Kai am breitesten war und das Wasser tief genug für die großen Schiffe, stand Tormod Elster. Sechzig Jahre, ein Gesicht wie eine Klippe, Hände so groß wie Brotlaibe. Tormod hatte den besten Platz am Kai, weil sein Vater ihn gehabt hatte und dessen Vater davor, und weil Tormod drei Karriolen besaß und zwei Schwiegersöhne, die für ihn fuhren, und weil er der Einzige war, der mit der Reederei direkt verhandelte. Wenn ein Dampfschiff in den Fjord einlief, wusste Tormod vorher, wie viele Passagiere an Bord waren, weil der Zahlmeister ihm telegrafierte.
Dieses Wissen war mehr wert als jede Karriole. Neben Tormod stand Einar Fosnes, vierzig, ruhig, zuverlässig, mit einem Fjordpferd, das breiter war als seine Karriole. Einar sprach wenig, aber seine Karriole glänzte, und die Touristen, die bei ihm saßen, kamen zurück und sagten: Der schweigsame mit dem großen Pferd, den nehmen wir wieder. Einar hatte seinen Platz, weil er ihn sich verdient hatte, nicht durch Lautstärke, sondern durch Wiederholung.
Dann kamen die anderen. Petter Langeland, jung, blond, mit einem Lächeln, das er für die englischen Damen aufsetzt und für alle anderen abnahm. Gunnar Vik, der Bruder des Wirtes, der seine Karriole nur in der Hochsaison fuhr und den Rest des Jahres Fische trocknete. Und noch drei, deren Namen Halvard kannte, deren Gesichter er kannte, deren Schwächen er kannte, weil er sie seit zwei Sommern beobachtete.
Halvard stand am Ende der Reihe. Kein eigener Platz. Keine eigene Karriole. Er war der Mann, den die anderen riefen, wenn sie einen Ersatzfahrer brauchten, weil einer krank war oder betrunken oder das Pferd lahm.
Drei Kronen pro Fahrt, davon ging die Hälfte an den Besitzer der Karriole. Was blieb, war weniger als ein Fischer verdiente und mehr als ein Bauer. Halvard nahm es, weil es ein Anfang war, und weil Anfänge nicht danach fragten, ob sie gerecht waren. Am Kai gab es Regeln, die niemand aufgeschrieben hatte.
Die erste: Wer zuerst steht, fährt zuerst. Die zweite: Wer mit der Reederei verhandelt, steht immer zuerst. Die dritte: Wer Tormod widerspricht, steht gar nicht. Diese Regeln waren nicht ungerecht.
Sie waren einfach da, wie die Berge und der Fjord und der Wind, und sie bestraften nicht die, die sie befolgten, sondern die, die sie nicht kannten. Halvard kannte sie. Er hatte zwei Sommer lang zugesehen und zugehört und gezählt. Er wusste, dass Tormod dem Zahlmeister der Reederei jede Saison fünfzehn Kronen zahlte, damit er die Passagierlisten telegrafierte.
Er wusste, dass Einars Fjordpferd dreihundert Kronen wert war und dass Einar den Preis nie verriet, weil ein Pferd, dessen Wert bekannt ist, gestohlen werden kann. Er wusste, dass Petter Langelands Lächeln ihm drei Fahrten pro Woche brachte und dass Gunnar Viks Karriole nach Fisch roch, weil er die Polster im Winter als Plane über seine Trockengestelle legte. Halvard wusste das alles. Und er wusste, dass Wissen ohne Geld wertlos war und Geld ohne Wissen gefährlich.
Was er brauchte, war beides. Das Dampfhorn kam um halb acht. Es hallte zwischen den Bergen, ein tiefer, dröhnender Ton, der über das Wasser rollte und an den Felswänden zurückprallte, sodass man für einen Moment nicht wusste, von wo das Schiff kam. Dann sah man den Rauch, einen grauen Streifen über dem Fjord, und dann den Bug, weiß und hoch, der um die Landzunge glitt wie ein Tier, das seinen Weg kennt.
Die SS Dovre. Küstendampfer der Nordenfjeldske Dampskibsselskab, 1.200 Tonnen, Liniendienst Bergen--Nordfjord--Ålesund. Jeden Dienstag und Freitag. Das Schiff, das Faleide veränderte, obwohl es nur zwanzig Minuten blieb.
Am Kai wurde es laut. Tormod schickte seinen älteren Schwiegersohn zum Anleger, um den Steg zu sichern. Petter Langeland stellte sich zurecht, zog die Jacke glatt, überprüfte sein Lächeln. Die anderen richteten sich auf, wie Pferde vor dem Start, und die Pferde selbst, die am Kai angebunden standen, hoben die Köpfe und schnaubten.
Halvard blieb, wo er war. Am Rand. Er zählte. Das Schiff legte an.
Matrosen warfen Taue, der Steg krachte auf die Bohlen, und dann kamen sie heraus, einer nach dem anderen, ins Licht des Fjords, das sie blinzeln ließ, als kämen sie aus einem dunklen Raum. Vierzehn Passagiere. Halvard zählte sie, wie er alles zählte, schnell, genau, ohne die Lippen zu bewegen. Vierzehn Köpfe, davon drei Familien, zwei einzelne Herren, eine Dame allein.
Die Familien waren leicht einzuordnen: der Deutsche mit dem Tropenhelm und den zwei Kindern, die Engländerin mit dem Sonnenschirm und dem Mann, der ihre Koffer trug, die Norweger aus Kristiania, die laut sprachen und sich umsahen, als hätten sie den Fjord noch nie gesehen. Vierzehn Passagiere und sieben Karriolen, jede mit Platz für zwei, manchmal drei, wenn man eng saß. Das hieß: Alle konnten fahren. Kein Überschuss.
Kein Kampf um die letzten Plätze. Aber es hieß auch: Kein Spielraum. Wer langsam war, fuhr leer. Das Schiff blieb zwanzig Minuten.
Der Zahlmeister hatte es angekündigt, zwanzig Minuten für Faleide, dann weiter nach Loen, und in diesen zwanzig Minuten mussten die Koffer von Bord, die Passagiere auf den Kai, die Karriolen beladen, die Pferde angespannt, die Preise verhandelt, die Fahrten begonnen sein. Zwanzig Minuten. Halvard hatte sie im letzten Sommer gestoppt, mit einer Taschenuhr, die er sich von Arne Bakke geliehen hatte, und er wusste, dass die schnellsten Fuhrleute in acht Minuten abfuhren und die langsamsten in fünfzehn, und wer nach fünfzehn noch am Kai stand, bekam den Rest, und der Rest waren die Passagiere, die niemand wollte -- die Zögernden, die Geizigen, die Schwierigen. Die Fuhrleute traten vor.
Tormod ging auf den Deutschen zu, direkt, ohne Umweg, weil Deutsche zahlten, was man verlangte, und nicht handelten. Sein Schwiegersohn nahm die Engländer. Einar Fosnes wartete, bis die Norweger sich umsahen, und nickte ihnen zu, wortlos, und sie gingen zu ihm, weil sein Nicken Sicherheit ausstrahlte. Petter Langeland hatte die einzelne Dame im Visier, eine Engländerin um die fünfzig, gut gekleidet, mit einem Lederkoffer, der teuer aussah.
Er ging auf sie zu, lächelte, sagte etwas auf Englisch, das Halvard nicht verstand, und bot ihr den Arm. Die beiden einzelnen Herren standen noch auf dem Steg. Ein älterer Mann in einem dunklen Anzug, der nach Bergen roch, und ein jüngerer, schlank, mit einem Notizbuch in der Hand, der den Fjord anstarrte, als wollte er ihn abzeichnen. Sieben Karriolen.
Vierzehn Passagiere. Das war die Mathematik des Kais, und sie ging nicht auf, und genau darin lag die Chance. Halvard ging auf den jüngeren Mann zu. Nicht schnell, nicht langsam.
Mit dem Schritt eines Mannes, der weiß, wohin er will, aber nicht zeigt, dass er es eilig hat. »Karriole?«, fragte er. Es war das eine norwegische Wort, das jeder Tourist verstand. Der Mann blickte auf.
Blaue Augen, helles Haar, skandinavischer Schnitt, aber die Kleidung war englisch. Ein Reisender, der sich informiert hatte. »Über den Pass?«, fragte der Mann auf Norwegisch, mit einem leichten Akzent, den Halvard nicht einordnen konnte. Schwedisch vielleicht.
Oder dänisch. »Nach Grodaas. Vier Stunden hin, Mittagsrast, vier zurück. Zehn Kronen.« Zehn Kronen.
Das war der Preis, den alle verlangten, der Standardpreis, den die Reederei in ihren Prospekten druckte. Aber zehn Kronen waren zehn Kronen nur, wenn man eine eigene Karriole hatte und ein eigenes Pferd und nicht die Hälfte an einen Besitzer abgeben musste. Für Halvard waren zehn Kronen fünf Kronen. Für Tormod waren zehn Kronen zehn.
»Und der Herr dort?«, fragte der Reisende und nickte zum älteren Mann im dunklen Anzug, der noch immer auf dem Steg stand und sich umsah, als suche er etwas. »Für zwei: fünfzehn Kronen. Zusammen. Die Karriole hat Platz.« Der Reisende überlegte.
Halvard ließ ihn. Er wusste, dass Männer, die Notizbücher trugen, gern rechneten, und dass fünfzehn weniger war als zweimal zehn. »Gut«, sagte der Reisende. »Fragen Sie ihn.« Halvard drehte sich um.
Der ältere Herr auf dem Steg war inzwischen von Gunnar Vik angesprochen worden, dem Bruder des Wirtes, der seine Karriole nur an Schiffstagen fuhr und dessen Pferd dünn war und dessen Polster nach Fisch rochen. Der Herr sah nicht begeistert aus. Halvard ging hin. Gunnar stand mit dem Rücken zu ihm und redete auf den Herrn ein, der die Stirn runzelte.
Gunnars Karriole stand hinter ihm, und Halvard sah, was der Herr sah: die fleckigen Polster, das magere Pferd, den Geruch, der selbst im Freien noch nach Trockenfisch roch. »Zehn Kronen«, sagte Gunnar. »Grodaas und zurück.« Der Herr zögerte. Nicht wegen des Preises.
Wegen des Polsters. Halvard sah es. Halvard stellte sich neben sie. Nicht dazwischen.
Daneben. Aber so, dass der Herr ihn sehen konnte, und so, dass der Herr auch Halvards Karriole sehen konnte, die zehn Schritte entfernt stand, mit sauberen Polstern und einem Pferd, das nicht dünn war. »Wenn Sie möchten«, sagte Halvard, ruhig, an den Herrn gewandt, nicht an Gunnar, »der Herr dort drüben fährt ebenfalls nach Grodaas. Zu zweit fünfzehn.
Siebeneinhalb pro Person.« Der ältere Herr sah von Gunnar zu Halvard. Gunnar drehte sich um. Sein Gesicht wurde schmal. Er war fünfundvierzig, Fischer im Winter, Fuhrmann im Sommer, und er stand am Kai seit zehn Jahren, länger als Halvard auf der Welt war, und jetzt trat dieser Junge neben ihn und nahm ihm den Gast weg, nicht mit Gewalt, nicht mit Lügen, sondern mit einer Zahl, die kleiner war als seine.
»Ich rede gerade mit dem Herrn«, sagte Gunnar. »Wenn Sie möchten«, sagte Halvard, ruhig, an den Herrn gewandt, nicht an Gunnar, »der Herr dort drüben fährt ebenfalls nach Grodaas. Zu zweit fünfzehn. Siebeneinhalb pro Person.« Der ältere Herr sah von Gunnar zu Halvard.
Gunnar drehte sich um. Sein Gesicht wurde schmal. »Ich rede gerade mit dem Herrn«, sagte Gunnar. »Ich mache ihm ein Angebot«, sagte Halvard.
Gunnar trat einen halben Schritt auf Halvard zu. Er war größer, breiter, und sein Atem roch nach dem Tabak, den er seit dem Morgen kaute. Halvard wich nicht zurück. Nicht weil er mutig war, sondern weil Zurückweichen am Kai ein Signal war, das jeder verstand.
Wer wich, verlor. »Siebeneinhalb«, sagte der ältere Herr, an niemand bestimmten gerichtet. Dann ging er an Gunnar vorbei zu Halvards Karriole. Gunnar sagte nichts.
Er spuckte den Tabak auf die Bohlen, drehte sich um und ging zu seinem Wagen. Halvard sah ihm nach. Er fühlte nichts dabei. Keine Genugtuung, keine Scham.
Nur die Klarheit eines Mannes, der gerechnet hatte und dem die Rechnung aufging. Fünfzehn Kronen für die Fahrt. Sieben Kronen fünfzig für ihn, sieben fünfzig für den Besitzer der Karriole, die er sich heute geliehen hatte. Nein -- er hatte fünfzehn gesagt, und der Besitzer erwartete die Hälfte von zehn.
Fünf Kronen Abgabe, zehn Kronen Einnahme. Davon fünf für ihn. Fünf Kronen, weil er einem Mann, der langsamer war, einen Gast abgenommen hatte. Nicht gestohlen.
Abgenommen. Der Unterschied war klein. Halvard dachte nicht darüber nach, weil das Nachdenken den Unterschied nicht größer machte. Die Fahrt über den Pass war acht Stunden, wenn alles gutging, und zehn, wenn es regnete, und an diesem Tag regnete es ab der Passhöhe, ein feiner, dichter Regen, der aus dem Nichts kam und alles durchdrang.
Das Verdeck der Karriole hielt den Regen von den Passagieren, aber Halvard saß vorne, auf dem Kutschbock, ohne Schutz, und nach einer Stunde war er nass bis auf die Haut. Das Wasser lief ihm in den Kragen, sammelte sich im Gürtel, durchweichte die Stiefel. Die Zügel wurden glitschig. Das Leder der Polster dampfte.
Der Pass war schmal. Links der Berg, rechts der Abhang, und dazwischen ein Pfad, der bei Regen zu Schlamm wurde und bei Trockenheit zu Staub und bei Frost zu Eis, und der in keinem Zustand leicht war. Das Pferd, ein geliehener Brauner mit breiter Brust und unsicherem Tritt, musste an den steilsten Stellen gezogen werden, und Halvard stieg ab und führte es am Halfter, den Fuß im Schlamm, die Hand am Zügel, und die Passagiere saßen in der Karriole und sahen zu, wie der Fuhrmann arbeitete. Er sah ihre Gesichter durch die Verdecköffnung: Ekdahl neugierig, Andresen gleichgültig.
Für Ekdahl war die Fahrt eine Erfahrung. Für Andresen eine Dienstleistung. Der jüngere Herr, der sich als Lars Ekdahl vorgestellt hatte, Vermessungsingenieur aus Stockholm, machte Notizen. Er notierte die Steigung, die Breite des Pfades, die Beschaffenheit des Bodens, die Höhe der Berge.
Er notierte, dass das Pferd an einer bestimmten Kurve scheute, und fragte Halvard, warum. »Steinschlag«, sagte Halvard. »Vor zwei Wochen. Die Pferde riechen es.« »Wie oft passiert das?« »Im Frühjahr, wenn der Schnee schmilzt.
Im Herbst, wenn der Regen die Erde löst. Dreimal pro Saison, manchmal öfter. Letztes Jahr hat ein Stein eine Karriole getroffen. Das Verdeck eingedrückt, den Fahrer am Kopf erwischt.
Er fährt seitdem nicht mehr.« Ekdahl schrieb das auf. »Die Straße müsste breiter sein.« »Die Straße müsste vieles sein«, sagte Halvard. »Breiter, fester, weniger steil. Aber Straßen kosten Geld, und wer bezahlt?
Die Kommune hat kein Geld. Die Reederei sagt, die Straße gehört ihr nicht. Die Fuhrleute sagen, sie fahren seit dreißig Jahren denselben Weg und es geht auch so.« »Und Sie?« »Ich sage, die Straße ist ein Geschäft. Wer sie besser macht, verdient mehr.
Wer sie so lässt, verliert Gäste.« Ekdahl notierte das. Halvard fragte nicht, wofür. Aber er merkte sich den Ingenieur. Männer, die Straßen vermessen ließen, kamen manchmal wieder.
Der ältere Herr, Andresen, der Handelskaufmann aus Bergen, sprach weniger und fragte präziser. An einer Stelle, wo der Pfad breiter wurde und das Pferd von selbst trottete, lehnte er sich vor. »Was kostet ein Pferd hier oben?« »Achtzig Kronen für ein gutes Fjordpferd«, sagte Halvard. »Hundert für ein sehr gutes.
Die Fjordpferde sind kleiner als die Dølahest, aber trittsicher. Auf dem Pass zählt Trittsicherheit mehr als Schnelligkeit.« »Und eine Karriole?« »Sechzig. Mit Verdeck achtzig. Der Schreiner in Stryn baut sie in drei Wochen, wenn man bar zahlt.
Auf Kredit vier Wochen und zehn Prozent mehr.« »Verdienst pro Saison?« Halvard drehte sich kurz um. Andresen sah ihn an, mit dem Blick eines Mannes, der Zahlen sammelte wie andere Briefmarken. Halvard überlegte, wie viel er sagen sollte. In Faleide redete man nicht über Verdienst, nicht mit Fremden, nicht mit Nachbarn, mit niemandem.
Aber Andresen war aus Bergen, und Bergen war weit genug weg, um ehrlich sein zu können. »Drei Schiffe pro Woche«, sagte Halvard. »Zehn bis fünfzehn Passagiere pro Schiff. Zehn Kronen pro Fahrt.
Saison von Juni bis September, sechzehn Wochen. Rechnen Sie selbst.« Andresen rechnete. Halvard sah es an seinen Lippen, die sich bewegten, und an seinen Augen, die schmaler wurden. Er rechnete schnell, wie Kaufleute rechnen, nicht Zahl für Zahl, sondern in Blöcken.
»Nicht schlecht«, sagte Andresen. »Für einen Bauernsohn.« Halvard wandte sich wieder dem Pfad zu. Er hätte sagen können, dass er kein Bauer war, nicht mehr, dass er seit zwei Sommern am Kai stand und zählte und rechnete und wartete. Er sagte nichts.
Am Nordfjord lernte man früh, dass Schweigen billiger war als Reden und meistens klüger. In Grodaas machten sie Rast. Ein Gasthof am Dorfplatz, niedrig, holzverkleidet, mit einem Schild, das kaum noch lesbar war: Grodaas Gjestgiveri. Drinnen war es warm und dunkel und roch nach Hammelfleisch und Kaffee und nassen Kleidern, die an Haken über dem Ofen dampften.
Halvard kannte den Wirt. Arne Bakke, fünfzig, schwer, mit einer Stimme, die klang, als spräche er durch einen Holzblock. Bakke betrieb das Gjestgiveri seit dreißig Jahren, als sein Vater es ihm übergeben hatte, und in diesen dreißig Jahren hatte sich wenig verändert, außer dass jetzt Touristen kamen, die nach Kaffee fragten, wo vorher Bauern nach Branntwein gefragt hatten. Halvard setzte sich an den Tresen, während seine Passagiere am Tisch aßen.
Bakke stellte ihm Kaffee hin, schwarz, ohne Zucker, weil Zucker Geld kostete und Bakke kein Geld verschenkte. »Wie viele heute?«, fragte Bakke. »Zwei. Der Ingenieur und der Kaufmann.« »Schlecht.
Tormod hatte sechs.« »Tormod hat drei Karriolen.« »Tormod hat Verstand. Du hast Ambition. Das ist nicht dasselbe.« Halvard trank den Kaffee. Er war bitter und heiß und genau das, was er brauchte.
Auf dem Tresen lag ein Buch. Groß, ledergebunden, aufgeschlagen, die aktuelle Seite halb beschrieben. Halvard kannte es -- das Gästebuch. Jedes Gjestgiveri am Fjord hatte eines, und jeder Reisende, der etwas auf sich hielt, trug sich ein.
Bakkes Buch war alt, der Einband abgegriffen, die Ecken gestoßen, und es roch nach Tinte und Fingern und Jahren. Er blätterte zurück. Handschriften aus ganz Europa, auf Englisch, Deutsch, Französisch, Norwegisch. Datumsangaben, Namen, Herkunftsorte.
Mr. William Slingsby, York. Frau Doktor Hedwig Meier, München. Konsul Halfdan Berg, Kristiania.
Manche hatten Kommentare hinterlassen: Excellent scenery, terrible roads. Wunderbare Landschaft, entsetzliches Wetter. Manche nur den Namen und das Datum. Manche hatten Beträge daneben notiert, in kleiner Schrift, am Rand, als schämten sie sich für das Geld, das sie ausgegeben hatten.
Halvard las die Beträge genauer als die Namen. »Warum bewahrst du das auf?«, fragte Halvard. Bakke sah ihn an, als hätte er gefragt, warum man atmet. »Weil jeder Name ein Beweis ist.« »Wofür?« »Dass sie hier waren.
Dass sie gezahlt haben. Dass mein Haus etwas wert ist. Ein Gjestgiveri ohne Gästebuch ist ein Haus ohne Gedächtnis. Die Namen bleiben, auch wenn die Gäste gehen.
Und wenn ein neuer Gast kommt und sieht, dass ein Konsul hier geschlafen hat und eine Frau Doktor, dann denkt er: Wenn die hier schlafen, kann ich es auch. Das Buch verkauft die Zimmer, die man nicht hat.« Bakke nahm das Buch und drehte es zu Halvard. Halvard sah auf die Seite. Ekdahl hatte sich bereits eingetragen, in einer kleinen, sauberen Schrift: Lars Ekdahl, Vermessungsingenieur, Stockholm, 3.
Juni 1889. Route Faleide--Grodaas über den Pass. Halvard bemerkte, dass Ekdahl nicht nur seinen Namen eingetragen hatte, sondern auch die Route. Als wolle er nicht nur bezeugen, dass er hier gewesen war, sondern auch, wie er hergekommen war.
Und neben dem Namen, am Rand, klein: Fuhrmann: Sundvik. Halvard sah seinen Namen im Gästebuch. Es war das erste Mal, dass sein Name irgendwo geschrieben stand, wo auch die Namen von Konsuln und Doktoren standen. Er sagte nichts dazu.
Aber er merkte sich das Gefühl. Halvard legte das Buch zurück. Er dachte an nichts Bestimmtes dabei. Nur daran, dass ein Buch, in dem Namen standen, einen Wert hatte, der über den Preis des Leders hinausging.
Und dass er so ein Buch nicht besaß. Noch nicht. Die Rückfahrt war trockener, aber kälter. Der Wind hatte gedreht und kam jetzt vom Gletscher, und er trug die Kühle des Eises mit sich, die in die Knochen kroch und die Finger steif machte auf den Zügeln.
Ekdahl fröstelte. Andresen zog den Mantel enger und sagte nichts. Der Fjord lag unter ihnen, als sie die Passhöhe überquerten, grau und weit, und die Berge warfen lange Schatten auf das Wasser. In einer Stunde würde die Sonne hinter den westlichen Gipfeln verschwinden, und dann käme die Dämmerung, die am Nordfjord im Juni nicht richtig dunkel wurde, sondern nur grau und still, als hielte die Welt den Atem an.
Halvard trieb das Pferd an. Auf dem Rückweg ging es bergab, und bergab war das Pferd schneller, aber auch unvorsichtiger, und Halvard musste bremsen, indem er den Fuß gegen den Bremsblock drückte, ein Holzklotz an einer Eisenstange, der gegen die Hinterräder rieb und ein Quietschen erzeugte, das über das Tal hallte. An den Steilstücken stieg er ab und führte das Pferd am Halfter, einen Fuß vor dem anderen, und unter seinen Stiefeln rutschte der Schotter, und einmal, an einer Kurve, wo der Pfad kaum breiter war als die Karriole, brach der Rand weg, und drei Steine rollten den Abhang hinunter, lautlos erst, dann mit einem Geräusch, das wie Knochen klang, die aufeinanderschlugen. Das Pferd scheute.
Halvard hielt es. Seine Arme zitterten danach, nicht vor Angst, sondern vor Anstrengung. An einer Stelle, wo der Pfad an einem Abgrund entlangführte und der Blick über den Fjord ging, zweihundert Meter tief, hielt Halvard an. Nicht für die Aussicht, obwohl Ekdahl sofort das Notizbuch zückte.
Der Reifen der rechten Hinterachse hatte sich gelockert, und er stieg ab, um die Mutter mit einem Schraubenschlüssel nachzuziehen, den er in der Werkzeugkiste unter dem Bock trug. Er hatte die Werkzeugkiste selbst zusammengestellt: Schraubenschlüssel, Hammer, Nägel, Bindedraht, zwei Ersatzspeichen, ein Stück Leder für gerissene Zügel, eine Kerze und Streichhölzer für den Fall, dass die Nacht einfiel, bevor man den Fjord erreichte. Die meisten Fuhrleute hatten keine Werkzeugkiste. Sie hatten Glück.
Halvard verließ sich nicht auf Glück. Die Arbeit dauerte drei Minuten. Drei Minuten, in denen Ekdahl den Fjord abzeichnete und Andresen auf seine Uhr sah und das Pferd schnaubte und mit dem Huf scharrte, weil es nach Hause wollte. »Wie oft passiert das?«, fragte Andresen.
»Oft genug.« Halvard zog die Mutter fest, prüfte den Sitz, rüttelte am Rad. »Die Straße schüttelt die Karriolen auseinander. Im August, am Ende der Saison, sind die meisten Wagen reif für den Schreiner. Die Achsen locker, die Federn durch, die Verdecke gerissen.
Wer im September noch fährt, fährt auf Risiko.« »Und die Kosten?« »Zwanzig Kronen pro Saison für Reparaturen. Zehn für Hufeisen -- vier Eisen, dreimal pro Saison, je achtzig Øre. Fünfzehn für Futter pro Monat. Dazu die Pacht für den Stallplatz, drei Kronen im Monat, und drei Kronen für den Kaiplatz, wenn man einen kriegt.
Einen Kaiplatz kriegt man nicht für Geld. Den kriegt man für Zeit.« Halvard stieg wieder auf den Bock. Er hätte nicht so genau antworten müssen. Aber Andresen war ein Kaufmann, und Kaufleute, die Fragen stellten, waren manchmal nützlicher als solche, die schwiegen.
»Sie sind kein gewöhnlicher Fuhrmann«, sagte Andresen. »Ich bin überhaupt kein Fuhrmann«, sagte Halvard. »Ich bin jemand, der eine Karriole fährt. Das ist nicht dasselbe.« Andresen schwieg.
Ekdahl blickte auf. Halvard trieb das Pferd an, und die Karriole setzte sich in Bewegung, abwärts, dem Fjord entgegen, der in der Abendsonne lag und aussah wie geschmolzenes Kupfer. Zurück in Faleide zahlte Andresen fünfzehn Kronen. Er legte das Geld auf den Kutschbock, genau abgezählt, und stieg aus, ohne sich umzudrehen.
Ekdahl gab Halvard die Hand und sagte: »Gute Fahrt. Sie sollten einen eigenen Wagen haben.« Halvard nickte. Er wusste es. Er brachte die Karriole zum Stall, versorgte das Pferd, wischte die Polster ab, die nass waren vom Regen, und prüfte die Achsen.
Dann ging er zum Gasthof am Kai, nicht zu Bakkes Gjestgiveri in Grodaas, sondern zu Viks Gasthaus in Faleide, dem einzigen Haus am Kai, das Essen und Betten anbot. Es war ein niedriges, verwittertes Gebäude mit fünf Zimmern und einer Gaststube, in der es nach Rauch und Fischeintopf roch und in der die Fuhrleute abends saßen und tranken und über die Touristen redeten, die ihre Brötchen verdienten. Halvard bestellte Eintopf und Brot. Er setzte sich in die Ecke, wo das Licht schlecht war und die Wand feucht, weil man in Ecken besser zuhörte als in der Mitte.
Am Nachbartisch saßen Tormods Schwiegersöhne und rechneten den Tag ab. Halvard hörte Zahlen, die er kannte: zehn Kronen, sechs Fahrten, sechzig Kronen Gesamteinnahme für Tormods Gespann. Sechzig Kronen an einem Tag. Das war mehr, als Halvards Mutter in einem Monat auf dem Hof verdiente.
Gunnar Vik saß am Tresen und trank. Er hatte an diesem Tag zwei Fahrten gemacht, zwanzig Kronen, und er sah so aus, als reichten ihm zwanzig Kronen und zwei Branntwein. Er sah Halvard nicht an. Halvard sah ihn an.
Er versuchte, etwas zu fühlen -- Bedauern, Schuld, irgendetwas --, aber was er fühlte, war nichts. Gunnar hatte zehn Kronen verlangt. Halvard hatte siebeneinhalb geboten. Der Gast hatte gewählt.
Das war kein Diebstahl. Das war Arithmetik. Aber als Gunnar aufstand und zur Tür ging, blieb er neben Halvards Tisch stehen. Er sagte nichts.
Er sah Halvard an, lang, mit dem Blick eines Mannes, der etwas verloren hat und weiß, an wen. Dann ging er. Halvard wusste, dass Gunnar die verlorenen zehn Kronen nicht als Ärgernis verbuchen würde, sondern als Lücke. Gunnar hatte im Winter Schulden beim Krämer in Stryn, dreißig Kronen für Mehl und Salz und Petroleum, und er zahlte sie im Sommer ab, Fahrt für Fahrt, und jede Fahrt, die ihm jemand wegnahm, verlängerte den Winter.
Halvard wusste das, weil in Faleide jeder die Schulden der anderen kannte. Er aß weiter. Der Eintopf schmeckte nach Hammelfleisch und Salz und dem Fjord. Das Mädchen, das den Eintopf gebracht hatte, kam zurück und räumte Gunnars Glas ab.
Sie war groß, dunkles Haar, das sie unter einem Tuch trug, und sie bewegte sich durch die Gaststube, als gehöre ihr der Raum, obwohl sie nur die Magd des Wirtes war. Oder die Nichte. Oder die Tochter. Halvard wusste es nicht.
»Noch Kaffee?«, fragte sie. »Nein. Danke.« Sie räumte weiter. Halvard sah ihr zu, nicht weil sie hübsch war -- das war sie, aber das war nicht der Grund --, sondern weil sie rechnete.
Er sah es daran, wie sie die Gläser zählte, bevor sie sie auf das Tablett stellte, und wie sie die Münzen auf dem Tresen sortierte, Kronen links, Øre rechts, schnell, ohne hinzusehen. Ein Mädchen, das zählte, in einem Gasthaus, in dem der Wirt nicht zählte. Sie bemerkte seinen Blick. Nicht verlegen, nicht geschmeichelt.
Sie sah ihn an, kurz, prüfend, wie man einen Balken prüft, bevor man ihn verbaut. »Sie sind der, der Gunnar den Gast abgenommen hat«, sagte sie. Es war keine Frage. »Ich habe einen günstigeren Preis angeboten«, sagte Halvard.
»Siebeneinhalb statt zehn.« Sie stellte das Tablett ab. »Für Sie zweieinhalb mehr als eine halbe Fahrt. Für Gunnar zehn weniger als sein Tag. Das ist kein guter Tausch.« »Für mich schon.« »Für Sie schon«, sagte sie.
»Für Gunnar nicht. Und ob es für den Gast gut war, wissen Sie erst, wenn er wiederkommt.« Sie nahm das Tablett und ging in die Küche. Halvard sah ihr nach. Er kannte ihren Namen nicht.
Er kannte nur den Satz, den sie gesagt hatte, und er wusste, dass der Satz stimmte, und dass eine Frau, die so rechnete, mehr verstand als die meisten Männer am Kai. Er aß langsam. Er hörte zu. Er rechnete.
Drei Schiffe pro Woche, manchmal vier. Zehn bis fünfzehn Passagiere pro Schiff. Saison von Anfang Juni bis Ende September, sechzehn Wochen. Wer eine Karriole besaß und ein gutes Pferd und einen festen Platz am Kai, konnte in einer Saison vierhundert Kronen verdienen.
Abzüglich Futter: fünfzehn Kronen pro Monat, sechzig für die Saison. Stallpacht: zwölf Kronen. Reparaturen: zwanzig. Hufeisen: zehn.
Verdeck-Erneuerung alle zwei Jahre: vierzig, auf die Saison umgelegt zwanzig. Versicherung gab es nicht. Pferdeausfälle trug man selbst. Vierhundert minus hundertundzwanzig gleich zweihundertachtzig.
Davon konnte man leben. Davon konnte man ein Pferd kaufen. In zwei Saisons konnte man eine Karriole kaufen. In drei Saisons konnte man Tormod Elster ins Auge sehen und sagen: Ich stehe hier, weil ich hier stehen darf.
In fünf Saisons konnte man das Gasthaus pachten, das Gunnar Viks Bruder betrieb und das vor sich hin verfiel, weil der Bruder Wirt war, aber kein Geschäftsmann, und weil ein Gasthaus am Kai mehr brauchte als Eintopf und Branntwein. Aber zuerst brauchte er eine eigene Karriole. Und ein eigenes Pferd. Und einen Platz am Kai, den ihm niemand nehmen konnte.
Und dafür brauchte er Geld, das er nicht hatte, und Zeit, die ihm davonlief, weil jede Saison, die er ohne eigene Karriole fuhr, eine Saison war, in der er für andere arbeitete und nicht für sich. Er legte das Geld auf den Tisch. Fünf Kronen für sich. Zehn Kronen für den Besitzer.
Fünf Kronen -- ein Tag Arbeit im Regen, über den Pass und zurück, acht Stunden auf dem Bock, nass, kalt, mit einem geliehenen Pferd und einer geliehenen Karriole. Es war ein Anfang. Nicht mehr. Er ging nach Hause in der Dämmerung, den Pfad den Hang hinauf, vorbei an den Fischerhäusern, die schon dunkel waren, vorbei an der Kirche, deren Glocke für den Abend nicht läutete, weil der Küster vergessen hatte aufzuziehen.
Der Fjord lag hinter ihm, und sein Glitzern reichte noch bis zum Pfad, ein letztes Licht, das sich auf dem Wasser hielt wie eine Erinnerung an den Tag. Der Hang war steil. Dreihundert Meter vom Kai bis zum Hof, und jeder Meter war ein Stück weiter weg von den Karriolen und den Schiffen und den Touristen und den Kronen, die dort unten verdient wurden. Halvard ging diesen Weg zweimal am Tag, morgens hinunter, abends hinauf, und jedes Mal dachte er, dass ein Mann, der unten am Kai wohnte, näher am Geld war als einer, der oben am Hang schlief.
Aber am Kai wohnten die Fischer und die Fuhrleute, und Halvard war weder das eine noch das andere. Noch nicht. Unterwegs überholte er Margit Dahle, die alte Fischersfrau, die Eimer trug. Sie nickte ihm zu.
Halvard nickte zurück. In Faleide grüßte man sich so: ein Nicken, kein Wort. Worte kosteten Atem, und Atem brauchte man für den Hang. Der Hof lag still.
Die Mutter hatte das Licht gelöscht. Die Kühe standen im Stall und kauten, und das Geräusch war das einzige, das Halvard hörte, als er die Tür öffnete und in die Dunkelheit trat. Die Küche roch nach dem Haferbrei, den die Mutter zum Abendessen gekocht hatte, und nach der Seife, die sie für die Wäsche benutzte, und nach dem Holz des Ofens, der noch warm war, aber nicht mehr brannte. Er setzte sich an den Tisch, ohne Licht, und legte die fünf Kronen vor sich.
Die Münzen klickten auf dem Holz, leise, und das Geräusch war kleiner als der Tag, den er hinter sich hatte, und größer als alles, was er auf dem Hof verdiente. Fünf Kronen. So viel wie zwei Wochen Milchverkauf. So viel wie acht Stunden auf einem Kutschbock im Regen.
So wenig wie ein Sechsunddreißigstel einer eigenen Karriole. Fünf Kronen. Eine Karriole kostete sechzig. Ein Fjordpferd achtzig.
Zusammen hundertundvierzig Kronen, und er hatte fünf. Achtundzwanzig Tage am Kai, um genug zu sparen. Achtundzwanzig gute Tage, an denen ein Schiff kam und Passagiere brachte und er schneller war als Gunnar und überzeugender als Petter und geduldiger als alle anderen. Achtundzwanzig Tage, an denen es nicht regnete oder jedenfalls nicht so sehr, dass die Schiffe ausblieben.
Achtundzwanzig Tage, an denen das geliehene Pferd nicht lahmte und die geliehene Karriole nicht brach und kein Konkurrent ihm zuvorkam. Er legte die Münzen in die Blechdose, die unter dem Bett stand, und in der bereits elf Kronen lagen von den Fahrten der letzten Wochen. Sechzehn Kronen gesamt. Hundertundzwanzig fehlten.
Er nahm die Dose in die Hand und wog sie. Leicht. Zu leicht für das, was er vorhatte. Aber schwerer als gestern.
Halvard zog die Stiefel aus, legte sich hin und starrte an die Decke, die er nicht sah. Er dachte an den Kai. An Tormods Platz, der uneinnehmbar schien, solange Tormod lebte und seine Schwiegersöhne fuhren und der Zahlmeister seine fünfzehn Kronen bekam. An Einars Fjordpferd, das dreihundert Kronen wert war.
An Gunnars Blick, als er an Halvards Tisch vorbeiging, lang und wortlos. An Bakkes Gästebuch in Grodaas und den Satz: Ein Gjestgiveri ohne Gästebuch ist ein Haus ohne Gedächtnis. An seinen eigenen Namen, den Ekdahl an den Rand geschrieben hatte: Fuhrmann: Sundvik. An Andresens Frage: Was kostet ein Pferd hier oben?
Und an die Antwort, die er gegeben hatte, und die andere Antwort, die er nicht gegeben hatte: Dass es nicht auf den Preis des Pferdes ankam, sondern auf den Preis des Platzes, an dem man mit dem Pferd stand. Er dachte daran, wie der Kaufmann gerechnet hatte, und er dachte, dass Andresen und er dasselbe taten, nur dass Andresen es mit Bergen-Geld tat und Halvard mit nichts. Aber die Rechnung war dieselbe. Und die Rechnung, das wusste Halvard, war das Einzige, das nicht log.
Er schlief nicht sofort. Draußen rauschte der Fjord, leise und gleichmäßig, wie er seit tausend Jahren rauschte, und der Wind kam vom Gletscher und strich über den Hang und über den Hof und über das Haus, in dem ein Mann lag, der fünf Kronen verdient hatte und hundertundzwanzig brauchte und dem Unterschied zwischen diesen beiden Zahlen nicht auswich, weil Ausweichen am Nordfjord nichts brachte außer Stillstand. Er dachte an die Reihenfolge der Karriolen am Kai. An Tormods Platz ganz innen, an der tiefsten Stelle, wo die großen Schiffe anlegten.
An die unsichtbare Grenze, die keiner übertrat und die doch nur aus Gewohnheit bestand. Tormod war sechzig. Seine Schwiegersöhne waren stark, aber nicht klug. Einars Pferd war alt, vielleicht noch drei Saisons, vielleicht vier.
Petter würde irgendwann nach Kristiania gehen, weil Männer, die lächelten, sich in kleinen Dörfern langweilten. Und Gunnar -- Gunnar war ein Fischer, der im Sommer Fuhrmann spielte, und Fischer, die Fuhrmann spielten, gaben auf, wenn die Fische besser bissen als die Touristen zahlten. Die Ordnung am Kai war nicht unveränderlich. Sie sah nur so aus.
Und Halvard hatte gelernt, dass Dinge, die unveränderlich aussahen, oft nur darauf warteten, dass jemand kam, der anders rechnete. Das letzte Dampfhorn des Tages kam über das Wasser, gedämpft, fast schon Teil der Stille. Ein Schiff, das Faleide verließ. Morgen würde ein neues kommen.
Mit neuen Passagieren. Mit neuen Kronen. Halvard lag wach und hörte es und dachte: Das nächste Schiff bringe ich mir einen weiteren Gast. Und den danach.
Und den danach. Bis die Dose voll war und das Pferd sein und die Karriole seine und der Platz am Kai nicht geliehen, sondern verdient. Der Fjord rauschte weiter. Der Wind strich weiter.
Und die Dunkelheit legte sich über alles, über den Kai und die Karriolen und den Hang und den Hof und den Mann, der zählte, und sagte nichts.