Prolog
Der See schlief. Seit Hunderten von Jahren schlief er. Sein Wasser lag still und dunkel unter dem Himmel der Lüneburger Heide. Die Eichen an seinen Ufern hatten Generationen von Menschen kommen und gehen gesehen. Fischer hatten ihre Netze ausgeworfen. Kinder hatten am Ufer gespielt. Alte Frauen hatten Wasser geschöpft und dabei Lieder gesungen, deren Worte längst vergessen waren.
Aber der See vergaß nichts.
Tief unter der Erde, unter Schichten von Lehm und Sand und Stein, lagen sie. Neun Fragmente eines Geheimnisses, das älter war als das Dorf, älter als die Eichen, älter als die ersten Menschen in dieser Gegend. Sie waren klein. Manche so groß wie ein Hühnerei, manche kleiner. Ihre Oberfläche war glatt und kühl. Und sie leuchteten. Ein schwaches, kaltes Licht, das niemand sah, weil niemand tief genug grub. Weil niemand die richtigen Fragen stellte. Weil niemand bereit war.
Die Lichtsteine warteten.
Sie warteten geduldig. Das konnten sie gut. Zeit bedeutete ihnen nichts. Für sie war ein Jahrhundert wie ein Atemzug. Sie hatten gewartet, als die Heide noch Urwald war. Sie hatten gewartet, als die ersten Siedler kamen und Hütten bauten. Sie hatten gewartet, als Kriege über das Land zogen und wieder verschwanden. Sie warteten immer noch.
Aber etwas veränderte sich.
Es war ein Herbstabend. Die Sonne stand tief. Das goldene Licht fiel schräg über den Räber-Springsee und tauchte alles in warme Farben. Drei Kinder kamen den Pfad zum Ufer herunter. Zwei Mädchen und ein Junge. Nein, ein Mädchen und zwei Jungen. Das Mädchen trug einen Rucksack und hatte ein Notizbuch in der Hand. Der größere Junge rannte voraus, ungeduldig, voller Energie. Der kleinere Junge folgte langsamer, vorsichtiger, mit Augen, die alles bemerkten.
Die Lichtsteine spürten sie. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit spürten sie etwas. Ein Kribbeln. Ein Erwachen. Eine Möglichkeit.
Unter der alten Eiche am Westufer, dreißig Zentimeter unter der Oberfläche, begann einer der Steine heller zu leuchten. Nicht viel. Nur ein wenig. Aber es war genug. Genug, um gefunden zu werden. Genug, um alles zu verändern.
Der See erwachte.
Und mit ihm erwachte eine Geschichte, die seit Jahrhunderten darauf gewartet hatte, erzählt zu werden. Eine Geschichte über drei Freunde, die mehr Mut hatten, als sie wussten. Über einen alten Fischer, der endlich verstand, warum sein Großvater ihm von leuchtenden Steinen erzählt hatte. Über ein Dorf, das ein Geheimnis in sich trug, ohne es zu ahnen.
Dies ist der Beginn dieser Geschichte.
Sie beginnt an einem Nachmittag im Oktober. Am Ufer eines stillen Sees. Mit einer Schaufel, einer Lupe und der Neugier von drei Kindern, die nicht aufhörten, Fragen zu stellen.
Denn das ist es, was Abenteuer auslöst. Nicht Stärke. Nicht Magie. Sondern die einfache, mutige Frage: Was ist das?
Kapitel 1: Das leuchtende Fragment am Seeufer
Der Nachmittag roch nach Laub und feuchter Erde. Leni stand am Ufer des Räber-Springsees und zog ihren Rucksack fester über die Schultern. Die alte Eiche warf lange Schatten über das Gras. Das Wasser des Sees lag still und dunkel. Kein Wind bewegte die Oberfläche. Leni mochte diese Ruhe. Hier draußen musste sie nicht an die Schule denken, nicht an die Mathearbeit vom Freitag, nicht an die Streiterei mit ihrer Mutter über das Aufräumen. Hier war sie einfach Leni. Elf Jahre alt, neugierig auf alles, und meistens die Erste am Treffpunkt. Hinter ihr raschelte es, und Finn kam den Pfad heruntergestolpert. Seine Schuhe waren schon schlammig. Ein Blatt klebte an seiner Jacke. „Du bist spät", sagte Leni. Finn zuckte die Schultern. „Meine Mutter wollte wissen, wohin ich gehe. Und ob ich eine Mütze dabei habe. Und ob ich vor dem Abendessen zurück bin." Er seufzte. „Du kennst sie." Leni kannte Finns Mutter. Sie machte sich Sorgen. Immer und über alles. Arvid saß bereits auf einer dicken Wurzel der Eiche und schnippte Stöckchen ins Wasser. Er trug seine Lieblingsjacke, die grüne mit den vielen Taschen. „Endlich seid ihr beide da", rief er ungeduldig. „Ich warte schon ewig." „Fünf Minuten", korrigierte Leni. „Fühlt sich an wie ewig." Arvid sprang auf und klopfte sich die Hose ab. „Also, was machen wir heute?" Leni zog ihr Notizbuch hervor. „Heute graben wir."
Arvid war sofort begeistert. „Graben! Endlich was Richtiges!" Er zerrte eine kleine Gartenschaufel aus seinem Rucksack und hielt sie triumphierend in die Luft. Finn betrachtete die Schaufel mit gerunzelter Stirn. „Darf man hier überhaupt graben? Das ist doch Natur." Leni nickte beruhigend. „Am Ufer ist kein Naturschutzgebiet. Ich hab es nachgeprüft. In der Gemeindekarte ist dieser Bereich als Erholungsfläche eingetragen." Finn entspannte sich ein wenig. Leni deutete auf eine Stelle direkt unter der Eiche, wo die Erde dunkel und locker aussah. „Dort. Da hat es gestern geregnet. Die Erde ist weich. Perfekt zum Graben." Arvid stürzte los, bevor Leni den Satz beendet hatte. Die Schaufel fuhr in den Boden. Erde flog nach hinten. Finn wich zurück. „Hey, pass auf! Das landet auf meiner Jacke!" Arvid grinste breit. „Wer gräbt, wird dreckig. Das ist ein Naturgesetz." Leni kniete sich neben die Grabstelle und sortierte, was Arvid zutage förderte. Eine alte Wurzel, dünn und verholzt. Drei runde, glatte Steine. Eine Muschel, grau und brüchig, wahrscheinlich Hunderte Jahre alt. Leni legte alles ordentlich nebeneinander auf eine flache Stelle. Finn hockte sich daneben. Er traute sich nicht selbst zu graben, aber er beobachtete alles mit scharfen Augen. Das war Finns Stärke. Er sah Dinge, die andere übersahen. Kleine Veränderungen. Winzige Details. „Da ist noch was", sagte er plötzlich und deutete auf eine Stelle rechts von Arvids Schaufel. „Irgendwas Helles. Unter der dunklen Erde." Arvid wischte mit der Hand über den Bereich. „Wo? Ich seh nichts." „Etwas tiefer", sagte Finn leise. „Grab dort weiter."
Arvid grub tiefer. Zehn Zentimeter. Zwanzig. Dreißig. Die Erde wurde dunkler, feuchter, dichter. Leni notierte die Tiefe in ihrem Notizbuch. Finn hielt den Atem an. Und dann traf die Schaufel auf etwas Festes. Nicht hart wie ein normaler Stein. Anders. Weicher im Widerstand, aber fest. Ein dumpfer Klang, der nicht nach Erde klang und nicht nach Holz. Arvid legte die Schaufel beiseite und kratzte mit bloßen Fingern die Erde weg. Seine Fingernägel schoben braunen Lehm zur Seite. Langsam kam ein Objekt zum Vorschein. Es war ungefähr so groß wie ein Hühnerei, aber unregelmäßig geformt. Nicht rund, nicht eckig. Eher wie ein Tropfen, der in Stein verwandelt worden war. Die Oberfläche fühlte sich glatt an. Viel glatter als jeder andere Stein aus dem Boden. Fast wie Glas, aber wärmer. „Was ist das?", flüsterte Finn. Er war näher herangerückt, obwohl sein ganzer Körper angespannt war. Arvid hob den Stein vorsichtig hoch und legte ihn auf seine offene Handfläche. Er lag schwer dort, schwerer als erwartet für seine Größe. Und dann geschah es. Die Sonne näherte sich dem Horizont. Das goldene Licht um sie herum wurde schwächer. Schatten krochen über den Boden. Und der Stein begann zu leuchten. Es war ein kaltes, blaues Licht. Schwach zuerst, wie das Glimmen einer sterbenden Kerze. Dann deutlicher, klarer. Es kam nicht von der Oberfläche. Es kam nicht von einem Reflex der Sonne. Es kam von innen. Aus dem Herzen des Steins. Finn taumelte einen Schritt zurück. „Das ist nicht normal", stammelte er. Seine Stimme war dünn. Arvid starrte den Stein an. Seine Augen waren riesig. „Das ist Magie", hauchte er. Leni nahm ihm den Stein vorsichtig aus der Hand. „Das ist keine Magie", sagte sie bestimmt. „Das ist Phosphoreszenz. Oder Biolumineszenz. Irgendwas Wissenschaftliches." Aber ihre Stimme zitterte. Denn sie log. Sie wusste nicht, was es war.
Leni untersuchte den Stein mit der Gründlichkeit einer echten Forscherin. Sie hielt ihn gegen die letzte Sonne am Horizont. Das Leuchten wurde schwächer. Sie drehte sich um und hielt ihn in den tiefen Schatten unter der Eiche. Das Leuchten wurde stärker. Kaltes Blau, gleichmäßig, ruhig. Kein Flackern, kein Pulsieren. Einfach nur Licht. „Faszinierend", murmelte sie. Sie drehte den Stein langsam in ihren Händen. Die Oberfläche war nicht völlig glatt, erkannte sie jetzt. An manchen Stellen gab es winzige Rillen. Fast wie ein Muster, aber zu fein, um es mit bloßem Auge zu erkennen. Leni zog ihre Lupe aus dem Rucksack. Finn und Arvid sahen sich an. Arvid verdrehte die Augen. Typisch Leni. Wer brachte eine Lupe mit zum Spielen? Leni brachte eine Lupe mit. Und ein Notizbuch. Und einen Kompass. „Die Struktur ist kristallin", sagte Leni, mehr zu sich selbst als zu den anderen. „Aber kein Kristall, den ich kenne. Quarz sieht anders aus. Feldspat auch." Sie verglich den Lichtstein mit den normalen Steinen neben ihr. Grau, matt, stumpf, kalt. Dieser hier war anders. Völlig anders. „Er ist warm", stellte Leni überrascht fest. Sie legte ihn kurz auf den Boden und hob ihn wieder auf. „Obwohl er in der kalten Erde lag, in dreißig Zentimetern Tiefe, ist er warm. Das ergibt keinen Sinn." Finn rieb sich nervös die Arme. „Mir ist kalt", sagte er. Aber er meinte nicht das Wetter. „Das ist real", sagte Leni schließlich. Sie blickte von dem Stein auf und sah Finn und Arvid direkt an. In ihren Augen stand Ratlosigkeit. „Das ist nicht normal. Und ich weiß ehrlich nicht, was es ist." Das war das erste Mal, dass Finn Leni so unsicher erlebte. Leni, die immer eine Antwort hatte. Leni, die alles nachschlagen konnte. Und genau das machte ihm mehr Angst als der leuchtende Stein selbst.
Die drei standen im Halbdunkel unter der Eiche. Der Stein leuchtete sanft in Lenis Händen. Die Sonne war verschwunden. Am Horizont glühte ein schmaler Streifen Orange. „Was machen wir jetzt?", fragte Finn. Arvid trat einen Schritt vor. „Wir zeigen ihn allen! Meinen Eltern, den Lehrern, dem Bürgermeister! Die werden Augen machen!" Leni schüttelte entschieden den Kopf. „Nein. Noch nicht." Arvid runzelte die Stirn. „Warum nicht? Das ist die größte Entdeckung aller Zeiten! Oder zumindest die größte in Räber." „Genau deshalb", sagte Leni ruhig. „Überleg mal. Wenn wir ihn den Erwachsenen zeigen, was passiert dann? Sie nehmen ihn uns weg. Sofort. Sie werden sagen, sie müssen ihn ins Labor schicken. Oder zur Universität. Und dann sehen wir ihn nie wieder." Arvid öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Er wollte widersprechen, aber er fand kein Argument. Weil Leni recht hatte. So liefen die Dinge. Kinder fanden etwas, Erwachsene nahmen es ihnen ab. Für ihr eigenes Wohl, natürlich. Immer für ihr eigenes Wohl. Finn stand zwischen ihnen und sah zum See. Das Wasser war jetzt schwarz. Die ersten Sterne zeigten sich am Himmel. „Das ist ein Geheimnis, nicht wahr?", sagte er leise. Leni und Arvid drehten sich zu ihm um. Finn sah verletzlich aus in der Dämmerung. Klein und dünn. Aber seine Augen waren fest. Entschlossen. „Ja", sagte Leni. „Das ist unser Geheimnis." Arvid nickte langsam. „Unser Geheimnis." Sie streckten die Hände aus. Drei Hände übereinander. Ein Versprechen ohne Worte. Zwischen ihren Fingern leuchtete der Stein. Und in diesem Moment fühlten sie etwas, das keiner von ihnen hätte benennen können. Eine Verbindung. Ein Band, unsichtbar und stark. Keiner von ihnen sprach. Aber alle drei spürten es. Etwas hatte sich verändert. Nicht nur draußen am See. Auch in ihnen selbst. Sie waren keine normalen Kinder mehr, die am Ufer spielten. Sie waren Hüter eines Geheimnisses. Und das war gleichzeitig aufregend und beängstigend.
Die Fragen kamen wie Regentropfen, erst einzeln, dann alle auf einmal. Sie setzten sich nebeneinander auf die Wurzeln der Eiche, den leuchtenden Stein in ihrer Mitte. Die Dunkelheit hatte sich über den See gelegt. In der Ferne bellte ein Hund. Der Geruch von nassem Laub umgab sie. „Wo kommt der Stein her?", fragte Leni. „Wie alt ist er? Was ist das für ein Material?" „Wer hat ihn hier vergraben?", überlegte Arvid. „Ist das ein Schatz? Hat jemand ihn absichtlich versteckt?" „Ist er gefährlich?", wollte Finn wissen. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Kann er uns irgendwie wehtun?" Der Stein leuchtete weiter. Gleichmäßig, geduldig. Er gab keine Antworten. „Wir brauchen Hilfe", sagte Leni nach einer Weile. „Jemand, der sich mit sowas auskennt. Jemand, dem wir vertrauen können." „Und jemand, der uns nicht für verrückt erklärt", fügte Finn hinzu. Arvid schnippte mit den Fingern. „Gunnar!" Finn nickte sofort. „Ja. Gunnar." Der alte Fischer. Er kannte den See besser als jeder andere Mensch in der Gegend. Er lebte seit Jahrzehnten in seiner Hütte am Nordufer. Er wusste Dinge über die Landschaft, die in keinem Buch standen. Und das Wichtigste: Er stellte nie dumme Fragen. „Dann gehen wir jetzt", sagte Arvid und sprang auf. Leni zögerte. „Es wird dunkel, Arvid. Wir müssen durch den Wald." „Na und?" Arvid grinste. „Wir haben einen leuchtenden Stein. Das ist besser als jede Taschenlampe." Sogar Finn musste lächeln. „Er hat recht", sagte Finn leise. „Der Stein leuchtet genug." Leni steckte den Stein vorsichtig in ihre Jackentasche. Das blaue Licht schimmerte durch den Stoff, gedämpft, aber sichtbar.
Der Weg zu Gunnars Hütte führte am Seeufer entlang und dann durch ein Stück Wald. Zwei Kilometer, vielleicht etwas mehr. Normalerweise brauchten sie zwanzig Minuten. Leni kannte den Weg auswendig. Sie war ihn schon hundertmal gelaufen. Aber nie in der Dunkelheit. Und nie mit einem leuchtenden Stein in der Tasche. Alles war anders heute. Die vertraute Landschaft hatte sich verwandelt. Was tagsüber harmlos und schön aussah, wurde in der Nacht geheimnisvoll und fremd. Aber in der Dunkelheit war alles langsamer. Die Dämmerung hatte sich in echte Nacht verwandelt. Die Buchen standen wie dunkle Säulen links und rechts des Pfades. Zwischen den Stämmen hing feiner Nebel, dünn und grau. Der Waldboden war feucht und weich unter ihren Schuhen. Arvid ging voraus. Sein Schritt war schnell und sicher, wie immer. Er hatte keine Angst vor dem Wald. Leni folgte ihm, den Stein in der Tasche, der ein sanftes Leuchten auf den Weg warf. Finn bildete das Schlusslicht. Seine Schritte waren kleiner, vorsichtiger. Bei jedem Knacken eines Zweiges zuckte er zusammen. Ein Kauz rief in der Ferne. Sein Schrei hallte zwischen den Stämmen nach. Einmal raschelte etwas im Gebüsch, laut und plötzlich, und Finn blieb abrupt stehen. Sein Herz hämmerte. „Was war das?" „Ein Kaninchen", sagte Arvid, ohne sich umzudrehen. „Oder ein Igel. Oder ein Eichhörnchen." „Woher weißt du das?" „Weil es zu klein war für ein Monster." Finn fand das nicht lustig. „Hört auf, so leise zu sein", bat er. „Das macht es schlimmer. Wenn ihr redet, höre ich die Geräusche nicht." Leni lachte leise. „Also sollen wir reden, damit du die Geräusche nicht hörst?" „Genau." Also erzählte Arvid von einem Film, den er am Wochenende gesehen hatte. Irgendetwas mit Piraten und versunkenen Schätzen. Finn hörte zu und vergaß für ein paar Minuten den dunklen Wald. Leni ging schweigend zwischen den beiden und dachte nach. Was war dieser Stein? Woher kam er? Und warum leuchtete er? Fragen über Fragen, und keine einzige Antwort. Der Wald öffnete sich etwas. Das Mondlicht fiel durch die Baumkronen. Und zwischen den Stämmen, am Ende des Pfades, leuchteten warme, gelbe Fenster. Gunnars Hütte.
Die Hütte tauchte zwischen den Bäumen auf wie ein altes Versprechen. Sie war aus dunklem Holz gebaut, mit einem Dach aus Schindeln, die der Wind und der Regen über die Jahre grau gefärbt hatten. Moos wuchs an den Wänden. Ein Stapel Brennholz lehnte an der Seite, sorgfältig geschichtet. Vor der Tür stand ein Paar Gummistiefel, die wahrscheinlich älter waren als Leni. Rauch stieg aus dem Schornstein in den Nachthimmel. Die Fenster leuchteten warm und einladend. Vor der Tür saß Gunnar auf einer Bank und flickte ein Fischernetz. Er war groß und breitschultrig, mit weißem Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel, und Händen, die aussahen wie altes, gegerbtes Leder. Siebzig Jahre alt, mindestens. Sein Gesicht war wettergegerbt, von tiefen Falten durchzogen, die von Wind und Sonne und unzähligen Stunden auf dem See erzählten. Aber seine Augen waren wach und klar. Helle, graue Augen, die alles sahen. Sehr wach. Als die Kinder aus dem Wald traten, blickte er auf. Er sagte nichts. Er legte die Nadel beiseite und sah sie an. Einen nach dem anderen. Arvid, der aufgeregt von einem Fuß auf den anderen trat. Leni, deren Jackentasche seltsam leuchtete. Finn, der sich hinter Leni versteckte. Dann sah Gunnar auf Lenis Hand, die in die Tasche griff. Sie zog den Stein halb hervor. Das blaue Licht fiel auf Gunnars Gesicht und zeichnete Schatten in seine tiefen Falten. Seine Augen weiteten sich. Nur für einen Moment. Dann wurde sein Blick ruhig. Beherrscht. „Kommt rein", sagte er. Seine Stimme war tief und warm. Nicht überrascht. Nicht erschrocken. Aber auch nicht gleichgültig. Er stand auf, langsam und bedächtig, legte das Netz über die Bank und öffnete die Holztür. Wärme strömte heraus. Es roch nach Holzfeuer, nach Tee und nach den Kräutern, die Gunnar an der Decke trocknen ließ. Die Kinder traten ein. Finn atmete aus. Hier war es sicher. Hier war Gunnar. Und Gunnar würde wissen, was zu tun war. Oder zumindest würde er die richtigen Fragen stellen.
In der Hütte war es warm und still. Das Feuer knisterte im gusseisernen Ofen. Alte Möbel standen an den Wänden, abgenutzt, aber gepflegt. Bilder von Booten und Seen hingen über einem Regal voller Bücher. Die Kinder setzten sich nebeneinander auf die Bank am Ofen. Finn drückte sich an Lenis Seite. Arvid saß am Rand, die Beine baumelnd, Finger trommeln auf dem Holz. Sie tauschten Blicke. Sollten sie es wirklich zeigen? Sie hatten sich gerade erst geschworen, es geheim zu halten. Und jetzt wollten sie es schon dem ersten Erwachsenen erzählen? „Er ist anders", flüsterte Arvid kaum hörbar. „Gunnar ist nicht wie die anderen." Leni biss sich auf die Lippe. Finn starrte auf seine Schuhspitzen. „Wir haben gesagt, niemandem", murmelte er. „Aber Gunnar ist nicht niemand", sagte Arvid. „Gunnar ist... Gunnar." Das stimmte. Gunnar war anders als andere Erwachsene. Er sagte nie „Das bildest du dir ein" oder „Kinder sollten nicht so viel fragen." Er nahm sie ernst. Immer. Leni atmete tief ein. Hielt die Luft an. Ließ sie langsam wieder raus. Dann nickte sie. „Zeigen wir es ihm." Finn sah auf. In seinen Augen stand noch die Angst. Aber auch etwas anderes. Erleichterung. Es war gut, nicht allein mit dem Geheimnis zu sein. Sie brauchten jemanden, der mehr wusste. Jemanden, der vielleicht die richtigen Fragen stellen konnte. Gunnar setzte sich ihnen gegenüber in seinen alten Ledersessel. Er faltete die Hände und wartete. Geduldig. Ohne zu drängen. So war Gunnar. Er wartete, bis die Menschen zu ihm kamen. Er drängte nie. Er fragte nie zuerst. Er wartete, und wenn die Zeit reif war, öffneten sich die Worte von selbst.
Leni holte den Stein aus der Tasche. Ihre Finger zitterten leicht. Nicht vor Kälte. Vor Aufregung. Vor der Bedeutung dieses Moments. Sie legte den Stein auf den Tisch. Das blaue Licht breitete sich über das dunkle Holz aus. Schatten tanzten an den Wänden der Hütte. Das Knistern des Feuers schien leiser zu werden, als hätte es Respekt. Gunnar beugte sich vor. Langsam. Er streckte seine knotigen Hände aus und nahm den Stein. Vorsichtig, behutsam, als wäre er etwas Lebendiges, das zerbrechen konnte. Er drehte ihn in seinen Händen. Hielt ihn ans Licht des Feuers. Hielt ihn ins Dunkle. Sein Gesicht veränderte sich. Die Falten wurden tiefer. Etwas zog an seinen Mundwinkeln. Seine Augen wurden ernst. Sehr ernst. Lange sagte er nichts. Die Kinder hielten den Atem an. Arvid ballte die Fäuste vor Ungeduld. Finn presste die Lippen zusammen. Leni beobachtete Gunnars Gesicht wie eine Wissenschaftlerin, die ein Experiment beobachtet. Was sah der alte Mann? Was wusste er? Dann setzte sich Gunnar langsam zurück in seinen Sessel. Er legte den Stein behutsam auf den Tisch zurück. Das blaue Licht leuchtete weiter, geduldig, unerschütterlich. „Das ist wirklich", sagte Gunnar leise. „Das ist nicht normal." „Das hab ich auch gesagt", murmelte Leni. „Wo habt ihr ihn gefunden? Genau?" Leni beschrieb die Stelle. Unter der alten Eiche am Westufer. Dreißig Zentimeter tief. Feuchte, dunkle Erde. Gunnar hörte zu. Jedem einzelnen Wort. Seine Augen ließen Leni nicht los. „Ihr wisst nicht, was ihr gefunden habt, nicht wahr?", sagte er schließlich. Die Kinder schüttelten die Köpfe. Gunnar sah zum Fenster. Draußen war es stockdunkel. Nur der Mond warf silbernes Licht auf den See. Dann sah er die Kinder an. In seinem Blick lag etwas, das Finn nicht einordnen konnte. Staunen. Oder Ehrfurcht. Oder vielleicht etwas ganz anderes. „Es gibt Geschichten", sagte Gunnar langsam. „Alte Geschichten. Geschichten, die mein Großvater mir erzählt hat. Ich dachte immer, sie wären nur das. Geschichten." Er stand auf und ging zum Regal an der Wand. Seine Hand glitt über die Buchrücken. „Aber jetzt", sagte er, „bin ich mir nicht mehr sicher." Und er zog ein schwarzes Notizbuch hervor. Die Seiten waren vergilbt. Der Einband abgegriffen, die Ecken abgestoßen. Es sah aus, als wäre es hundert Jahre alt. Staub wirbelte auf, als Gunnar es aufschlug. Die Kinder beugten sich vor. Sie konnten handgeschriebene Zeilen erkennen, verblasste Tinte auf brüchigem Papier. Und auf einer der Seiten – eine Zeichnung. Ein Stein. Ein leuchtender Stein. Finn griff nach Lenis Arm. „Das sieht aus wie unserer", flüsterte er. Gunnar nickte langsam. „Ja", sagte er. „Genau so sieht er aus." Er schloss das Buch wieder und drückte es gegen seine Brust. „Morgen", sagte er. „Morgen erzähle ich euch mehr. Heute ist es spät, und eure Eltern warten." Die Kinder protestierten nicht. Sie waren zu erschöpft, zu überwältigt. Leni steckte den Stein zurück in ihre Tasche. Er war warm. Wärmer als vorhin. Als sie die Hütte verließen, drehte sich Finn noch einmal um. Gunnar stand in der Tür, das Notizbuch in den Händen. Er sah alt aus in diesem Moment. Alt und nachdenklich. Und irgendwie auch erleichtert. Als hätte er lange auf diesen Abend gewartet.